6. Ausgabe, 12.04.2015


Liebe Kunstfreunde!

Was tut ein Intendant? Er intendiert etwas, odrr? Vor allem in öffentlichen Sendern müsste es denen doch darum gehen, dass man erleuchtet das Gerät abschaltet und einfach fitter fürs Leben ist so wie früher z.B. nach dem Schulfunk („This is your old friend Henry“). Zwar war es nicht Henry Moore, aber immerhin.

Jetzt kommt scheinbar ein Bruch.

Haben Sie schon mal an einer lauten Straße oder Bahntrasse gewohnt? „Wrrrroooommmm!“-„Grrrraaaatsch!“-„Erömmmm, Erömmmm!“ alle paar Sekunden. Meine schlimmsten Lauterfahrungen habe ich in Bremen nachts neben dem Hüttenwerk gemacht. Der Verschiebebahnhof für Roheisen etc. „IIIIIIIIiieeeejöööööng-peng- paddaradonk!“ Die Fimmusik von Hitchcocks „Psycho“ ist ein Wiegenlied dagegen.

Was hat das mit den Sendern zu tun? Folgendes: allein schon beruflich schaue ich mir sehr viele Filme über Archäologie an. Wer weiß, wie lange es noch manche Objekte geben wird. Die Sender mit ihren riesigen Marketingabteilungen sehen es ja vielleicht ganz realistisch, dass viele vor dem Fernseher einschlafen. Aber was tun sie dagegen? Sie hetzen eine Meute von Sound-Designern los, die die schönsten Filme mit genau diesen „Wutsch!“-„Ieung!“-„Tatatadong“ unterlegen. Bei denen knallt es aber ganz mächtig, nicht nur im Karton. Den Ton abschalten geht ja auch nicht. Ich wäre für einen „Scheißsturm“ (warum haben die Engländer das Wort erfunden?), der denen den Stecker rauszieht im „Öffentlich-Rechtlichen“. Dies soll nur ein Beispiel sein, wie einem die Wahrnehmung von Kunst verleidet wird.

Dass Intendanten vor allem auf ihren Landesprogrammen Berichte über „Kunst“ durchgehen lassen (fliegende Fische aus Schmiedeeisen etc.) dient zwar ebenfalls der Volksverdummung, aber ich kann es nicht wirklich ernst nehmen, denn sonst müsste ich mich auch über die Häufung von „Kochkultur“ in den Programmen echauffieren. Das Dumme ist: der Medienpöbel will Rezepte. Egal, ob zum Kochen, zum Malen oder fürs Leben. „Kannst Du mir eben mal den Trick verraten, wie Du …“ ist ein oft gehörter Satz in Malkursen.


Jetzt ganz was anderes:

In der 1. Ausgabe mokierte ich mich darüber, dass zu wenig gestritten wird über Kunst. Neulich stand ich mit ein paar alten Kunsthasen zusammen. Und wir hatten Nolde zu fassen. Plötzlich machten alle Würgegesten:
– „Die Malerei, nein was ist die platt! So platt wie das Land da oben.“
– „Wären die „Ungemalten Bilder“ doch ungemalt geblieben!“
– „Die Heiligen – Ogottogottogottogott!, da muss sogar Ottos Mops kotzen.“
– „OK. OK die Aquarelle, die Bilder vom Hamburger Hafen, alles in Ordnung!“
– Einer schrie aber fast los: „Dieses Grün, also nein! Immer dieses Grün, hat der zu lange auf der Weide gestanden? Ekelhaft!!“
– „Aber mit den braunen Flecken kam er wunderbar klar.“

Wieder nichts mit Diskussion bei so viel Eintracht, wohl wissend, dass es hierzulande fast an Gotteslästerung grenzt, so eine Meinung zu äußern. Jetzt habe ich mich als einziger geauauautet.

Ich bin doch blöd.
Ben Siebenrock