33. Ausgabe, 24.04.2017


Liebe Kunstfreunde!

Ich liebe die Menschen und hasse die Menschheit.

Da kann man nur noch die Kunst des Abschaltens praktizieren: Atomkraftwerke, Las Vegas, Tagesschau, Talkshows, wenn ein Telefonvertreter oder sonst jemand einen vollsabbelt – einfach mal abschalten. Klick! – Aus! Den Schalter umlegen.

Seit zwei Wochen beachte ich den Fernseher nicht. Die ersten Tage waren harter Entzug, weil mein Gehirn ein visueller Schwamm ist – schon von Berufs wegen. Doch je mehr ich wie ein Staubsauger die Bilderflut aufsauge, desto eher sind die Filtertüten voll und die sind bekanntlich teuer. Das Abschalten hat nichts mit Verzicht zu tun (7 Wochen ohne etc), sondern es geht um die
Freiräume, die wir nutzen können, um z.B. jemanden anzurufen, den wir lange nicht gesprochen haben. Das ist politisch.

In der Kunst wird z.Z. viel von ihrer politischen Aufgabe gedröhnt, s. Documenta in Athen. Den Dreck dieser Welt zu zeigen ist aber noch lange nicht politisch, sondern, was daraus an Handlungen folgt. Es gibt nichts Schlimmeres, als Passivitätsfallen.
„Wir müssen …“ ist die harntreibendste Floskel der Experten statt „Wir müssten …“. „Mach was!“ Bloß was, das will ich wissen.

Neulich rührte mich ein Beitrag im Radio: ein kleines Mädchen aus Syrien wartet in der Türkei auf eine Prothese für ihr amputiertes Bein. Was sie denn mal werden wolle: „Ich will Kunsterzieherin werden.“ Sie wird wissen warum. Hoffentlich wird sie eines Tages sehr gebraucht und sei es hierzulande, wo die Kunst an Schulen immer mehr eingedampft wird. Ich würde dem Mädchen sofort eine Prothese bauen, wenn ich es könnte. Wenn das dann jemand „Kunst“ nennt, wäre es mir total egal.

In Brasilien hat man Schülern elektronische Fußfesseln angelegt, damit man immer weiß, wo sie sich rumtreiben. Die Eltern waren zuerst sehr begeistert, aber es gab zu viele Funklöcher. Da sagte ein heller Kopf: „Das können wir auch einfacher haben. Wir müssten nur mehr Sport und Kunst anbieten – dann kommen die Schüler von ganz alleine.“

Ich kann jetzt mal abschalten – den Computer.

Alles Gute!
Ben Siebenrock