32. Ausgabe, 16.01.2017


Liebe Kunstfreunde!

Die Wölfe kommen wieder. Sie springen in Bad Schandau, Dessau und Torgau von den Elbbrücken auf Lastkähne und Schleppverbände, die den Fluss abwärts fahren. Dort verstecken sie sich mit Vorliebe auf Viehtransportern bis sie bei der Staustufe Geesthacht wieder an Land schwimmen bzw. über die Eisschollen springen. Viele Medien jaulen über die Rückkehr der Wölfe. Die Wölfe denken aber gar nicht daran, das Jaulen aufzugeben. Vielmehr folgen sie ihrem Rudeltrieb, mit dem sie in einer gigantischen Zangenbewegung auf die Hansestadt Hamburg zusteuern. Das eine Wolfsvolk kommt über die Lausitz und das Lauenburgische (Gruppe LauLau), das andere über Gorleben und die Elbmarschen (Gruppe Gorelb). Eine kleine Gruppe aus Braunlage kämpft sich über Wolfenbüttel, Braunschweig und das verwaiste Wolfsburg nach Tötensen durch, wo sie sich kampflos dem Gorelb-Rudel unterordnen wird, da diese Gruppe eine dunkelbraune Mutation im Fell hat und sich dominant vererben wird.

Die Wölfe haben es bei ihrem G.K. (Geheimes Kommandounternehmen) besonders auf Grossohrige abgesehen. Im Raum Danneberg sollen sie kurz vor Ladenschluss einen Gehörakustiker und seine Ladenhilfe gerissen haben bei Minustemperaturen um die Minus 27 Grad. Die Wölfe waren nach ihrer langen Wanderung so ausgehungert, dass von den Personen nur Blutflecken auf dem gepunktetem Velourteppich in Nachtblau übrig blieben. Anhand von traditionellen Wanderrouten und Nachtsichtkameras wollen Tierpsychologen herausgefunden haben, dass die Killermonster auf ein Ziel in der Speicherstadt Hamburg zusteuern. Im Zollhafen wurden Wölfe schon für entlaufende Drogenhunde der Hafenbehörde gehalten. Man muss wissen, dass Wölfe über ein unglaubliches Gehör verfügen. So können sie in stillen Nächten das Trapsen einer Nachtigall aus bis zu 800 m hören. Bei besonders schrägen Tönen können sie sogar Frequenzen unter 100 Hertz über besonders empfindliche Teile ihrer Pfoten wahrnehmen. Die Befürchtungen des Hamburger Kultursenats gehen nun dahin, dass von der Elbphilharmonie Geräusche ausgehen, die den Jagdtrieb der Tiere anstacheln. Wer Wölfe oder Werwölfe gesehen hat, möge das sofort der Polizei melden.

In einem geheimen Dossier, dass mittlerweile auch den anderen Behörden entlang der Elbe vorliegt, wird davor gewarnt, dass die Rudel gleichzeitig in der Elbphilharmonie zuschlagen könnten, um den Kampf der Leitwölfe auszutragen. Wenn sie erst einmal im Blutrausch sind, kann keine Macht der Erde sie bremsen. Derjenige wird gewinnen, der die meisten Jauler des Wolfchores in einem großen Finale hinter sich bringen kann und das Dirigentenpult erobert.

Es ist die höchste Warnstufe ausgerufen worden. Es besteht Gefahr für alle Besucher der Philharmonie, die einen Pelz oder Wollkleider tragen und wie die Lämmer schweigen. Es wird empfohlen, stets einige Breckies oder Musikantenknochen mitzuführen. Allerdings ist noch nie beobachtet worden, dass bei einem Konzert mit Musik von „Steppenwolf“ oder Howling Wolf die Security bemüht werden musste.

Bei einer Attacke im Konzertsaal darf nicht geschossen werden, obwohl Einschüsse in der Akustikwand nicht auffallen würden. Ein Gerücht besagt, dass der japanische Tondesigner bei der Gestaltung der Akustikplatten von den Spuren eines Wolfsrudels inspiriert wurde. Er möchte den Wolf wieder in seiner Heimat ansiedeln, wo das letzte Exemplar 1905 verschwand.

„Homo hominem lupus est“ heißt nicht, dass Lupinen lupenrein sind.

Alles Gute!
Ben Siebenrock


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