30. Ausgabe, 15.11.2016


Liebe Kunstfreunde!

Noch einmal das Thema Kreuzfahrer: Neulich lagen sie wieder dermaßen gestopft in der Kieler Förde, dass man schon befürchten konnte, dass sie überdehnt und einreißt und genäht werden muss. Oder dass noch der letzte Tropfen aus dem Hafenbeckenboden heraus gelutscht wird.

Ein Ideenspiel: Hamburg müsste evakuiert werden wegen einer radioaktiven Wolke oder so. Dann bräuchte man für die ca. 2 Millionen Einwohner etwa 2000 Kreuzfahrtschiffe. 2 Millionen Flutbürger waren es tatsächlich, die im letzten Jahr von Deutschland aus herumschipperten. Stockbetten oder Hängematten würden eine größere Belegungsdichte garantieren.

Wenn man die Schiffe wie Roll-on-roll-off-Fähren in „Reihe schaltet“ als Pontonbrücke, dann würde das eine Länge von 600 km ergeben. Man könnte also trockenen Fußes nach England gelangen. Davon träumten schon die Normannen.

Es wäre nicht das erste mal, dass ein Kreuzfahrtschiff zu einem Rot-Kreuz-Schiff würde – von der passiven Faulheit zur aktiven Lebenshilfe. Legendär in dieser Hinsicht war der Butterdampfer „Helgoland“, der als Lazarettschiff im Vietnamkrieg den Restglauben an die Menschheit erlaubte.

„Wir brauchen ja nichts. Nur ein paar Quadratmeter.“, sagt der Gast im Hochhausboot. Überfluss im Gewand der Bescheidenheit – ein Modell für das Leben an Land? Wenn das ausgeflaggte, autolose AUTO-NOME-Schiff wie ein Kleinstaat in Fahrt kommt mit Massentierhaltung (Wasserhühner, Schweinswale, Nerze, Lachse, Shrimps, Karpfen aus dem Pool), dann lässt sich sogar Ferien auf dem Bauernhof machen: „Wir haben auf dem Autodeck auch einen Misthaufen mit gefärbtem Stroh und naturidentischen Aromastoffen.“ Oder Vertical Gardening an Wein berankten Bordwänden, oder Tomaten in der Sky Bar zum Erröten bringen. Einmal richtig mit anpacken und Mauerblümchen zupfen. Wem das nicht reicht, darf an einer Übung gegen Piraten mit Wasserpistolen teilnehmen.


Das ist jetzt die ideale Überleitung zum Thema „Streuobstwiese“: Was wäre die Malerei ohne „Streuobstwiese“?! Lichtflecken auf schattenbetupften Flächen – ein Lebenselixier des Impressionismus.

Die nächste Obstwiese schmiegt sich an einen Penny-Markt voller Botox-Äpfel und -Birnen. Dort sagt die Wiegeliese: „1,99 das Kilo!“ Auf der Liegewiese nebenan zernagen Wespen die Bioware. Darf diese von „Fürchtlingen“ geerntet werden und zu Obstler veredelt werden? Besser Obst servieren als observieren bei einem „Déjeuner sur l`herbe“ mit Fürchtlingen.

Die Gefahr einer Streuobstwiese an Bord sehe ich nicht. Aber eine Obstlerwiese allemal. Und wenn einer eine Fahne hat, dann sind es die Schiffe selber. Die schwimmenden Plattenbauten bräuchten gar nicht mehr den Hafen zu verlassen, wenn es gelingt, fremde Länder in die Kabinen zu projezieren. Das würde die Bullenaugen, die längst keine mehr sind, sondern Schiebeglasfronten, überflüssig machen. Da wird niemand seekrank, höchstens sehkrank.

Der „Mare“-Verleger Nico Gelpke brachte mich neulich auf diese Idee: Das Meer ist das große Unbekannte, sozusagen das kollektive Unbewusste der Menschheit. Man stelle sich vor, der ganze Meeresmüll würde an Land liegen u.u. Ein altes Atom-U-Boot vor dem Eiffelturm und die „Titanic“ auf dem „Platz des himmlischen Friedens“. Wenn man noch die Triebtheorie hinzunimmt, kann man sagen, dass der An-Trieb von den Segeln über die Raddampfer zu den Schrauben – oder Strahlantrieben durch den Wasserspiegel immer tiefer ins Unbewusste gewandert ist.

Der Wasserspiegel: welche Freude, wenn man dem Meer 10 m auf den Grund schauen kann. In den Tiefen der Weltseele reichert sich der verbannte Müll an und hat uns alle im Griff.

Es gibt schon Skulpturen, die nur in einem Tauchgang betrachtet werden können. Treibt uns die Evolution als Nixen und Nixer zurück ins Meer?

Alles Gute!
Ben Siebenrock