23. Ausgabe, 16.01.2016


Liebe Kunstfreunde!

Heute: Otto Niemeyer-Holstein (ONH). Wer mit dem Fördeschiff zu meinem Heimatort Mönkeberg schippert und dann in Richtung Kitzeberg am Strand zu DEM Ausguckslokal „Kiek Ut“ stromert, kommt an einem Waldstück vorbei, dem man noch die Narben der Bombadierung im Zweiten Weltkrieg ansieht.

Exakt hier war es, als ich das allererste Mal überhaupt in Kiel war, nämlich im Jahrhundertsommer 1959, nicht ahnend, daß ich auf den Spuren eines berühmten Malers wandelte. In dem Wäldchen stand ein Wohnwagen, in dem wir einige Tage verbrachten. Die kurze Bleibe auf der Reise nach Bornholm wurde durch Johanna Niemeyer ermöglicht, eine Freundin der Künstlerin Dagmar Schultze-Ross, die von Anfang an mein Leben verfolgt hat.

Verglichen mit Wilhelmshaven machte Kiel einen monumentalen Eindruck auf mich, besonders eben auch der kleine Küstenabschnitt an der Förde. Hier war es auch, wo der Kieler Jung ONH offensichtlich eine glückliche Jugend nach der Jahrhundertwende verbrachte, u. a. mit einem eigenem Segelboot, mit dem er zur Schule pendelte. Jahrzehnte später nahm ich den selben Weg zum Studium, allerdings mit dem Fördedampfer. Das war prägend.

Die Eltern von ONH hatten in den Wald ein „Norwegisches Holzhaus“ gesetzt, das sich später zur Keimzelle des Meereskunde-Institutes mauserte. In dem teuren Villenviertel wohnte ich Anfang der 70iger während einer schlimmen Krise in einer ausgebauten Garage, bevor ich 1974 das legendäre Atelierhaus auf dem Stangenberg in Mönkeberg initiierte.

Es war naheliegend, dass man fast täglich mit Gleichgesinnten am Strand Lagerfeuer entfachte, Lagerbier soff und auch Nachtlager auf Sand überstand, immer auf der Hut vor der Wasserschutzpolizei.

In Sichtweite des Strandes spielte sich letztes Jahr auch das „Panzerdrama“ ab (s. Ausgabe Nr. 15).

Die Malerei von ONH macht mich wirklich nicht kirre, aber sein Lebensweg, der auf Usedom endete, ist schier unglaublich (Danke M. Kopp für die Biografie). „He hätt si nie griepen loten. He wär ass een Aal.“ (Plattdeutsch) – weder von den Nazis noch von den Kommunisten. Ein echter Überlebenskünstler. In wie weit er mit dem weltberühmten Architekten Oscar Niemeyer zusammenhängt, der eine Kapelle an der Förde geplant hat, konnte ich leider nicht klären. Wer weiss es?

Weihnachten sind wir im Entenmarsch durchmarschiert, jetzt hoppeln wir Richtung Ostern. Die übrig gebliebenen Weihnachtsmänner aus Schokolade werden zu Osterfrauen umgeschmolzen (s. Ausgabe Nr. 5).

Das Umschmelzen ist ja nicht erst jetzt modern. Aus Polareis wird Whiskywasser, die Kernschmelze von Tschernobyl kreiert ein Naturschutzgebiet. Die Bronze „Geistkämpfer“ von Barlach vor der Nikolaikirche wurde von den Nazis auch schon mal zu Kanonenrohren umgeschmolzen, aber Geist lässt sich nicht umschmelzen. Es ist wie beim Kaffeetrinken: einfach nachgiessen.

Alles Gute!
Ben Siebenrock