18. Ausgabe, 28.09.2015


Liebe Kunstfreunde!

Seit dem 21.9. habe ich einen Kulturschock erlitten und fast mit diesem Staat gebrochen, weil er sich immer mehr der DDR angleicht. Warum? Ich habe bei SKY einen Sack mit 10 Kilo Kartoffeln gekauft für 3,30 Euro, „Qualitätsmerkmal I“. Das allein schon kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Für meine Bildhauerei – Studien suchte ich besonders große Kartoffeln und fand sie prompt in jenem Sack. Schon 1982 hatte ich erste Versuche mit Kartoffeln im Studio von Francesco Somaini bei Como unternommen, obwohl ich die Findlinge damals noch gar nicht auf dem Radar hatte. Nach der Arbeit war es jetzt durchaus meine Absicht, die stärkehaltigen Modelle zu einer leckeren Kartoffelsuppe weiter zu verarbeiten. Der Appetit verging mir aber schnell als ich recherchierte, was „Qualitätsmerkmal I“ bedeutet. In winziger Schrift stand auf dem Verschlußband „nach der Ernte behandelt gemäß den Berliner Vereinbarungen.“ Ja, wer kennt die denn? Ich dachte im ersten Moment an die Potsdamer Verträge. Im Klartext: mit der Schale können Sie Ihren Fusspilz behandeln.


In der 5. Ausgabe spekulierte ich noch, ob der IS auch den Lenin-Kopf, der früher in Ost-Berlin stand, sprengen würde, wenn sie ihm seiner habhaft würden. Angeblich wusste keiner mehr, wo er verbuddelt war. Nun ist er aber ans Tageslicht gelangt und damit ist die Gefahr stark gestiegen. Denn dass auch Kommunisten manchmal aus dem Untergrund wieder auftauchen können, hat der Lenin jetzt bewiesen, nachdem er 20 Jahre seinen Kopf aus ukrainischem Granit (Die TAZ nennt ihn „Marmorgranit“ – so ein Quatsch!) in den märkischen Sand (die „Puderdose“ nach TH. Fontane) bei Köpenick gesteckt hat.

Jedenfalls ist ein Granitkopf besser als ein Betonkopf. Skulpturen, die plötzlich aus dem Untergrund auftauchen, haben es nicht leicht. Seien es die Tonsoldaten mit Pilzbefall in China oder die braunen Bronzen, die wundersam in dem Roman „Es riecht nach Torf“ von Moritz Rinke beschrieben wurden. Die ewigen Fragen stellen sich ein: „Was soll ich über der Erde?“ und „Was kommt jetzt?“ und „Was wird aus mir?“. Bei der Ausgrabung wurden jedenfalls große Summen in den Sand gesetzt im Tausch gegen die Sichtbarkeit des „Hauptmanns von Köpenick“. Ob die Zitadelle Spandau seine letzte Station wird, wo schon Rudolf Heß und Albert Speer meditiert haben? Eigentlich gehört die Speerspitze der kommunistischen Bewegung ja in die Ukraine, vermutlich in den östlichen Teil. Da kann einem schon mal der Kopf 4 Tonnen schwer werden. Lösung: den Kopf zu einem Kartoffeldenkmal umarbeiten.


P.S.: bei diesem Wetter ist es wunderschön im Steinpark Warder mit dem schönsten Licht des Jahres. Ich empfehle eine Gruppenführung ab 10 Personen mit Ausklang in der beheizten Ausstellungsscheune.

Alles Gute!
Ben Siebenrock