17. Ausgabe, 02.09.2015


Liebe Kunstfreunde!

Provokationen gehören zur Kunst wie der Sattel zum Fahrrad (z.B. das Pissoir von Duchamp). Als Provokation war wohl auch dieser Satz eines sehr bekannten Kunsttheoretikers gedacht: „Im Drogeriemarkt lässt sich mehr über unsere Gesellschaft lernen als im Museum für zeitgenössische Kunst.“ Und was ist, wenn ich gar nichts über die Gesellschaft, aber sehr viel über Kunst erfahren möchte? Ich fühle mich jedenfalls stark an den Satz aus dem Futuristischen Manifest von Marinetti aus dem Jahr 1909 erinnert, wonach ein Rennwagen schöner sein soll als die Nike von Samothrake. Der faschistische Marinetti war Literat und geistiger Zundelfrieder des ersten Weltkrieges. Bemerkenswerter Weise stammen beide Zitate nicht von Künstlern. Provokationen leben von der Gegenüberstellung zweier scheinbar unvereinbarer Positionen. Es gibt nun mal nicht die eine Ästhetik, sondern tausendfach codierte künstlerische Ansätze, unter anderem auch jene, die sich den ganzen Tag zum Beispiel mit Drogeriemärkten befassen. Ein gelungenes Resultat kann man in Kiel-Gaarden besichtigen. Da wurde ein ehemaliger Schlecker-Markt in einen Ausstellungsraum umgewandelt. Welch grossartige Transformation! Es dürfen gerne noch andere Ketten folgen. „Ketten sprengen durch Kunst“, zauberhaft!


Ich hätte da noch eine Provokation anzubieten:

In diesen Tagen wurde viel über die grünen Hottehüs des Reichsbildhauers Thorak berichtet, die auch zwei Jahre Station auf dem Kieler Ostufer machten. Die Wellen schlugen unter anderem deshalb so hoch, weil die Verlegenheit, wo die Dinger hin sollen, riesengroß ist … Staatsgelände müsste es schon sein. Und jetzt ist noch ein drittes Pferd aufgetaucht, das Jahrzehnte lang unverdrossen auf einem Schulhof in Bayern ausharrte. Mein Vorschlag: Alle drei in Gegenrichtung zu der Quadriga auf dem Brandenburger Tor hinzu gesellen, mit Blick nach Westen Richtung Siegessäule. Die deutsche Zerrissenheit ließe sich kaum besser darstellen.


Und jetzt was total anderes: das Wort „Heimatschutz“ scheint sich die braune Jauche unter den Nagel gerissen zu haben. Aber es geht auch anders. „Heimatschutz“ ist in der Schweiz die größte Non-Profit-Organisation (und das in der Schweiz!), die sich um die Erhaltung alter Gebäude und der Landschaft kümmert, kurz: der Kultur, ähnlich wie der National Trust in England. Wir können uns das Wort zurückerobern und eine echte Bürgerbewegung daraus machen.


Nach einer sehr bunten und schönen Saison im Steinpark Warder grüßt!
Ben Siebenrock