12. Ausgabe, 07.06.2015


Liebe Kunstfreunde!

„Dat KZ is al mien“ zu Hochdeutsch: „Das KZ gehört allein mir“ ist kein Schlachtruf einer skandalösen Privatisierungsaktion, sondern dieser Satz stand auf einer hohen Betonmauer mit Nirostastacheldrahtkrone direkt am Fördeufer. Der Satz ist leider verblasst. Bis heute habe ich nicht herausbekommen, wer die plattdeutsche Sprache noch mal so effektiv aufblitzen ließ. Vor dieser Mauer stand dort wie bei den anderen Grundstücksbegrenzungen eine Mauer aus handgespaltenen Findlingen in ihrer ganzen Farbpalette, ein Plätzchen, an dem man wunderbar den Sonnenuntergängen frönen oder die vorbeiziehenden Fährschiffe mit den Oberdecks voller Touristen beobachten konnte. Diese wurden durch den prägnanten Satz darauf hingewiesen, dass das Deutsche Reich noch nicht überall aufgelöst wurde, denn von den Schiffen hat man eine wunderbare Sicht auf die nackten grünen Männchen von Breker, die auf die Förde hinausschauen. Ob die martialische Mauer dazu dienen soll, Neo-Nazis davon abzuhalten die bronzenen Steiftiere zu klauen, oder ob er die Riesenhunde, die Furcht erregend dahinter bellen, daran hindern soll vorbeiwanderende Yorkshire-Terrier, Jack-Russels oder dicke Möpse mit einem Haps zu verschlingen, erschließt sich nicht sofort. Die Tageszeitung rätselte, ob die „Wehrmacht“ auch dort steht. Wenn ja, dann nur das, was von den Divisionen übrig blieb. Eine andere Zeitung, die gerne die Tu-Wörter weglässt, titelte irgendwas mit „Hitler-Bronze-Pferde“. Dass die auf selbigem Grundstück zwei Jahre ihr politisches Gnadenbrot verfrühstücken durften, war so ein offenes Geheimnis wie die Tatsache, dass der Eigentümer sein gesamtes Luxusgrundstück unterkellert hat, um dort seinen Bergepanzer und andere Kriegsoldies zu horten. In der Sylvesternacht 1979 sprachen wir auf dem Stangenberg (3 km entfernt) den besten Barolos und Brunellos zu, die für uns noch erschwinglich waren, ohne zu merken, dass sich auf dem Ostufer die meterhohen Schneewehen auftürmten. Ahnungslos wollten wir gegen Mitternacht mit einem VW-Variant noch mal eben nach Laboe. Da fuhr plötzlich ein Panzer vor uns, in dem Schneetreiben nur am gelben Blinklicht zu erkennen und ebnete uns den promillsten Heimweg. Wer war es? Genau!

Aber lassen wir den Blick hinüber zum Kanal weit nach links in die Fördespitze schweifen. Dort kann man z.Z. einen besonderen Schauernst erleben: Nein es geht wirklich nicht mehr um U-Boote, obwohl jetzt auch die Inder noch angerobbt kamen, um die Dinger als Entwicklungshilfe zu reklamieren. In der Werft liegen zwei unfertige Gebilde, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das eine ist eine fast fertiggestellte Fregatte – ziemlich groß –, die mit spätkubistischen Formen alle Radarstrahlen in die Irre schicken soll. Das erinnert an Kinder, die die Hand vor ihr Gesicht halten, um nicht gesehen zu werden.

Daneben liegt ein an Christo gemahnendes Gebilde – noch größer – perfekt verpackt mit weißen Planen. Ästhetisch doll, aber wie immer: „cui bono?“. Als Bildhauer denkt man unwillkürlich an Carrara, aber es muss was Geheimes sein. Früher waren es die Friedensschiffe, die geheim waren. Und heute? Das schwimmende Harem von einem Scheich samt Mini-Uboot an Bord?

Ich bin doch blöd.
Ben Siebenrock