10. Ausgabe, 11.05.2015


Liebe Kunstfreunde!

Es gab ernsthaft mal eine Podiumsdikussion in der Kieler Kunsthalle mit der Fragestellung: „Kann es Kunst hinter den Knicks geben.“ (auf Schleswig-Holstein gemünzt.) Ja, wo denn sonst? (für Ausländer: Knicks sind große Hecken zwischen einzelnen Feldern, auf gar keinen Fall handelt es sich um eine höfische Begrüßungskultur. Die ist hierzulande mit „Moin“ gründlich abgedeckt.)

Wenn die Knicks überhaupt noch da sind, denn viele wurden in den letzten Jahrzehnten abgeholzt. Aber es werden auch einige neu angelegt. Hoffnung. Ökologische Land-Art. Die Landschaft ist doch das einzige, mit dem man in Schleswig-Holstein wuchern kann. Sicher nicht mit einem breitem Galerienspektrum, das eine künstlerische Dichte suggeriert. Keine Galerien – kein Kunstmarkt, so einfach ist das. Dieses Land hat mehr Museen als ernstzunehmende Galerien, ein „Alleinstellungsmerkmal“! „In Schleswig-Holstein Kunst zu verkaufen ist wie Sternschnuppen zählen.“, sagte neulich ein Kollege.

Also: Kunst muss sichtbar sein, sonst passiert nix. Dieser Gedanke war auch tragend, als unsere Bildhauerklasse vor 40 Jahren im Schlosspark große Steinbloxx blauäugig anging, um den Entstehungsprozess den Bürgern nahe zu bringen in der Hoffnung, die Kunst in Kiel einer größeren Akzeptanz zuzuführen. Wenn ich mir vorstelle, dass es damals schon die riesigen Kreuzfahrtpötte in Rufweite gegeben hätte, dann hätten wir ca. 4000 Zuschauer gehabt, die sich den Steinstaub aus den Augen gerieben hätten und fortan jeden Stein mit mehr Respekt beäugt hätten. Es mag Zufall sein, dass die Kunsthalle, die Stadtgalerie und die Landesbibliothek direkt an den Kais stehen neben den „umgekippten Hochhäusern, die sich plötzlich nach einem Tuten in Bewegung setzen“ (so ein Dichter). Aber noch nie habe ich beobachtet, dass die Touris sich vor dem Ablegen noch ein Stündchen Kunst statt Alk gegönnt hätten. Sie gleiten lieber an der Kunst vorbei. Hektik? Nichtwissen? Verwässerung des Kunstbegriffs statt dem Griff hinter die Knicks.

Es gibt eine Reederei, die hat den Braten voll gerochen. Sie tauft ihre Schiffe nach einer berühmten Oper – war es“Othello“? – „Erleben Sie ihren LIEBLINGSKÜNSTLER live an Bord unserer Kussmundschiffe!“ Kussmund auf Künstler oder wie? Zehn Matrosen sind zum Weihrauchschwenken und Pinselwaschen abgestellt. Selbstverständlich gibt es auch Versteigerungen der Beltracchi-artigen Werke, unter denen auch ein weltberühmter Künstler wie Udo Lindenberg vertreten ist. Ich hoffe, meine Phantasie ist jetzt einen Schritt voraus: nämlich dass jeder Touri auf seinem Nachttisch bald einen Tonklumpen (100% Bio) vorfindet, aus dem er dann im Laufe der Reise sein Gegenüber porträtieren kann. Wenn’s nix geworden ist, fliegt der Klumpatsch über Bord oder in den Pool.

DIE GROSSEN MISSVERSTÄNDNISSE:
Eine Frau kommt in den Plattenladen und will eine Scheibe von dem Komponisten „Rondo Veneziano“ haben. So wird Kunst verstanden. Dann will ich eine Skulptur oder wenigstens die Telefonnummer von Tizian haben.

Mal ne Frage:
Haben Sie eigentlich den Eindruck, dass es im Land eine Stätte gibt, an der man einen Überblick bekommt, wie Kunst „Made in Schleswig-Holstein“ aussieht? Richtig repräsentativ? Die Landesschau lässt sich ja nun mal nicht mit der Hengstkörung der besten Holsteiner in Neumünster vergleichen. Darum braucht man einen Kunst-TÜV und eine zentrale Stätte der PRÄSENTATION! Das Bordesholmer Dreieck ist noch unbebaut!

Ich weiß nicht, wie man das hinkriegt.

Ich bin doch blöd.
Ben Siebenrock